Adorno / Literatur / Derrida

Acht vorläufige Thesen zu einer heterogenen Konstellation (im Ausgang von Adornos Essay »Voraussetzungen«)

1Vorbemerkung: Können und wollen die nachfolgenden Thesen – dekretorische(n) Zwecke(n) ohnehin sich versagend – auch nicht kaschieren, dass ihnen der paratemporale Zug einer nachgetragenen Vor-läufigkeit konstitutiv eingeschrieben ist, so wird hierin doch gerade ihr Angebot und ihr Appell sich formiert haben, Adornos und Derridas differente Impulse für die Arbeit mit und an Texten der »Literatur« nicht etwa beschwichtigend und harmonisierend zu synthetisieren, sondern vielmehr als ineins heterogene und gleichwohl fast systematisch auf Konstellierung drängende Artikulationsformen der Ökonomie(n) des Literarischen zu begreifen und zu nutzen. Nicht versöhnende Integration, sondern verandernde Pfropfung wäre mithin die Perspektive solchen Unterfangens. (Auf zusätzliche, gar kommentierende Belege und Verweise habe ich hier übrigens notgedrungen gänzlich verzichtet, um meine thesenhaften Eröffnungszüge nicht sogleich durch einen leicht ebenso langen Anmerkungsapparat wieder zu erdrücken.)

I

2Eine Lektüre Adornos, die an Jacques Derridas Projekt der Dekonstruktion anknüpfen will, sollte sich klar machen, dass »Dekonstruktion« im Grunde keine Methode oder Technik und auch keine wissenschaftliche Kritik oder gar Disziplin ist. Die Dekonstruktion inauguriert vielmehr einen neuen Typus von Fragen und betreibt eine Um-Schrift, die den (philosophischen, literarischen, wissenschaftlichen) Text neuerlich in Szene zu setzen versucht, aber in eine Szene, die nicht mehr von ihm beherrscht oder kontrolliert wird.

II

3Adornos Essay »Voraussetzungen« (in den »Noten zur Literatur«), der im Titel schon signalisiert, dass in Kunst ein »unmittelbares« Verhältnis von Werk und Rezipient nicht unterstellt werden kann – dies wäre nämlich Produkt einer Erschleichung –, dieser Essay also rückt die Frage nach der Verstehbarkeit und der Sinnkonstitution hermetischer Kunst entschieden in den Mittelpunkt des Interesses, ohne sogleich einer Aufhebung des hier sich auftuenden Bruchs in einem Sinnzusammenhang zweiter Ordnung das Wort zu reden. Darin berührt er sich mit Derridas Beharren auf der Resistenzkraft gewisser »literarischer« Texte gegenüber einer theoretisch-philosophischen Begrifflichkeit, die auf Verstehen und Beherrschbarkeit des Sinns zielt. (So können bestimmte »literarische« Texte stärkere dekonstruierende Potenzen haben als manch wissenschaftlicher Diskurs, der seinen theoretischen Apparat auf diese Texte anwendet.)

III

4Derrida leitet freilich aus dieser Resistenzkraft keine Auszeichnung eines spezifisch »Literarischen« ab, das ein eigenes Wesen und eine eigene Wahrheit hätte, bekundet sogar eher ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Motiv des »Literarischen« und versucht immer wieder, die traditionelle Unterscheidung von Philosophie und Literatur in ihrem grenzziehenden Charakter zu überdenken. Für Adorno hingegen bedarf zwar »Kunst der Philosophie, die sie interpretiert, um zu sagen, was sie nicht sagen kann« (Ästhetische Theorie, Frankfurt/Main 1973, S. 113), er verbindet dies indes mit dem Zusatz, dass »es doch nur von Kunst gesagt werden kann, indem sie es nicht sagt«: so aber werden Privileg und Bezirk der Kunst grundsätzlich anerkannt, wenn auch durchaus in kritischer Perspektivierung.

IV

5Werden bei Adorno Werke der Literatur zu »geschichtsphilosophischen Sonnenuhren«, die in ihrer Negativität auf den jeweiligen Stand des Vergesellschaftungs- und Rationalisierungsprozesses verweisen, disponiert und können damit letztlich doch mehr oder minder mechanisch in ihre gesellschaftlichen Bedeutungskorrelate zurück verwandelt werden, ohne freilich einer simplen sozialgeschichtlichen Rückübersetzung anheim zu fallen, so trägt Derridas häufig missverstandene These: »il n’y a pas de hors-texte absolu«, der Überlegung Rechnung, dass der »texte en général« keinen empirischen oder intelligiblen letzten Grund (Signifikat, Referent) besitzt, bei dem die Verweisfunktion des Textes schließlich zum Einhalt kommen könnte, womit sich die Möglichkeit eröffnet, die Effekte von Öffnung und Schließung neu zu durchdenken.

V

6Derrida rekurriert jedoch keineswegs einfach auf ein Selbstreflexivitätsmodell des literarischen Textes, sondern ist sich der Nicht-Rundung des reflexiven Raums des Textes zutiefst bewusst, wie ja auch Adorno im »Voraussetzungen«-Essay darauf insistiert, dass die in traditioneller Kunst zwar prätendierte, aber nie realisierte Identität von Anschaulichkeit und Intention im hermetischen Werk erst recht dran gegeben sei. Das schließt im Falle Adornos aber nicht aus, dass er literarische Texte nicht auch zugleich auf einer anderen Ebene mit dialektischem Schwung – sei’s auch ex negativo – zu selbstbezüglichen Reflexionsinstanzen ihres Bruchs mit der gesellschaftlichen Welt verhält.

VI

7Wenn Adornos Verfahren einer negativen Dialektik sich als Versuch präsentiert, das Heterogene als heterogen auch im Denken wieder einzuschreiben, wenn Denken sich hier als Ungenügen an sich selbst konstituiert und sich damit als Schuld gegenüber dem, was es denkt, begreift, wenn die Praxis der Negation also bereits ein derivatives Moment, d.h. aber Teil einer Ökonomie ist, dann lässt sich Derridas Dekonstruktionsarbeit geradezu als radikalisierte Fortsetzung zentraler Anliegen negativer Dialektik mit anderen Mitteln verstehen, zielt die Dekonstruktion doch gerade auf die unhintergehbare Heterogenität des Textes, auf die Kontextualisierung des Ursprungs/Grunds durch Einschreibung, auf die Zurückversetzung der Autorität eines Diskurses und seiner Ordnung in die Stellung einer marque in der Kette, mithin auf eine, die vertraute Ökonomie der Humanwissenschaften in ihren metaphysischen Komplizitäten in Frage stellende Ablösungsarbeit, ohne Wunsch nach Totalisierung, was übrigens auch untrennbar davon die generelle Problematik institutioneller Strukturen, pädagogischer oder rhetorischer Normen, der Möglichkeit von Recht, Autorität, Bewertung, Repräsentation, usw. ins Spiel bringt.

VII

8Verschwindet also Gesellschaft mitnichten aus dem Blickfeld Derridas, wird vielmehr sogar von den Phänomenen der Einschreibung, der Rahmung, der Repräsentation, usw. neu zugänglich, so ist doch Adornos an Marx (u.a.) anknüpfende Erarbeitung einer Theorie negativer oder reiner Vergesellschaftung (über den Wert nämlich) nach wie vor – gerade auch in ihrer fetischismus- und idealismuskritischen Potenz bei der Untersuchung kultureller Manifestationen – von erheblicher Relevanz. Freilich gäbe es auch hier etliche Anknüpfungspunkte für eine zukünftige dekonstruktive Adorno-Lektüre (z.B. Fetischismus und Tausch).

VIII

9Wiewohl Adorno auch immer wieder auf die sprachliche Verfasstheit literarischer Texte abhebt, ist doch unübersehbar, dass gerade die Problematik von Sprach- und Zeichentheorie bei ihm eine höchst marginale Rolle spielt. Derrida hingegen hat von Anfang an versucht, in dieses etablierte kulturelle Feld zu intervenieren, von der Dekonstruktion des Zeichenbegriffs und der Neufassung des Schriftbegriffs angefangen, bis hin zur Artikulation der Zusammenhänge von Iterabilität, Dissemination, Re-Markierung, Nicht-Sättigung des Kontextes, Eigenname usw. usw. – all dies Denkbewegungen, deren Konsequenzen auch für die Auseinandersetzung mit jenem Gebiet, das man das »Literarische« genannt haben wird, noch unübersehbar sind. Umso dringlicher und wünschenswerter wäre eine Relektüre Adornos unter eben diesem Fragenhorizont, wird hier doch ein blinder Fleck seiner Bemühungen sichtbar.

Zuerst erschienen in: Messungen: Zeitschrift für Interpretationswissenschaften 1 (1991), S. 111–113

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